Einhorndistanzen

Kleinharrie, Rickling, Neuschönberg und Aukrug. Was haben diese Orte gemeinsam? Sie liegen nicht nur im nördlichsten Bundesland von Deutschland, sondern sind auch durch die Französin Véronique Le Dimna verbunden, der Frau, die hinter den etwas umstrittenen Einhorndistanzritten steckt!

Individuell gestaltete „Einhorn-Pokale“, Foto: Monika Berghaus

 

von Nicole Weinhardt

Auf Distanzen ist Véronique Le Dimna bereits seit zwanzig Jahren unterwegs. Zuerst in ihrem Heimatland Frankreich und seit 2002 auch in Deutschland. „Die erste Einhorndistanz veranstaltete ich vor fünf Jahren in Kleinharrie“, erzählt sie. „Seitdem sind drei weitere Veranstaltungsorte und eine Championatswertung hinzugekommen. Die Organisation aller Ritte übernehme ich, nur der Ritt im Naturpark Aukrug wird von Josef Kolland organisiert. In diesem Jahr wird dort außerdem die offene Meisterschaft von Schleswig-Holstein und Hamburg stattfinden.“ Wer bereits an einem Einhornritt teilgenommen hat, weiß, dass hier viele besondere Regeln gelten. Trotzdem verstößt keine dieser Regeln gegen das gültige Reglement des Vereins

Deutscher Distanzreiter (VDD). Auf allen Einhornveranstaltungen werden standardisierte Ritte von 20, 30, 40, 60 und 80 Kilometern angeboten. Die Standardisierung soll den Reitern helfen, die eigenen Ergebnisse der einzelnen Einhornritte leichter miteinander zu vergleichen. „Schafft man die nächste Stufe, ist dies ein bedeutender Fortschritt für Pferd und Reiter“,
erklärt die engagierte Veranstalterin.

Erfahrene Distanzreiter wundern sich meist über den angebotenen 20 km Ritt. Zu Recht, denn Einführungsritte beginnen in Deutschland erst ab einer Rittlänge von 25 km. „Die 20 km Strecken werden als Schnupperritte zwar analog dem VDD-Reglement veranstaltet, unterliegen aber der WBO und zählen somit auch nicht in die VDD Gesamtkilometerwertung“, erklärt Karin Capell, VDD-Regionalbeauftragte für Schleswig-Holstein und Hamburg. Die zweite Verwirrung erwartet den unerfahrenen Einhornreiter in der Ausschreibung, in der zwei verschiedene 40 km Ritte angeboten werden. Der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit: Beim 40A Ritt soll das Tempo zwischen 8 und 12 km/h und beim schnelleren 40B Ritt zwischen 10 und 15 km/h liegen. Auch für die mittleren Distanzritte ist eine Tempobegrenzung vorhanden.

Die Wertung der Einhornritte erfolgt nach einer Formel, die u.a. auch in Frankreich verwendet wird. Dabei werden die Geschwindigkeit des Rittes und die Pulserholung des Pferdes 20 Minuten nach Zieleinlauf berücksichtigt. So kann es passieren, dass nicht das schnellste Pferd, sondern ein etwas langsameres Pferd mit besserer Pulserholung gewinnt. Über diese Art zu werten gibt es in Deutschland sehr unterschiedliche Meinungen. Für Einsteiger auf EFR und KDR ist diese Wertung geeignet, da Einsteiger lernen, ihr Pferd nicht durch zu schnelles Reiten zu überfordern. Bei den mittleren Distanzen dagegen geht der Wettkampfcharakter durch die Tempobegrenzung verloren. Für Reiter von Norwegern, Isländern und anderen robusten Ponyrassen ist das Einhalten der Höchstzeit von T6 auf mittleren Distanzen zwar machbar, kommen aber andere „Schwierigkeiten“ wie warmes Wetter oder Verreiten, kann die Einhaltung von T6 schnell schwierig werden.

Für die Einhornritte gilt außerdem ein verschärfter Pulswert von 60 Schlägen/Min. Véronique sagt dazu: „Die Pulsbegrenzung von 60 Schlägen ist aus meiner persönlichen Vorliebe, die Reiter etwas auszubremsen, entstanden. Aber eigentlich sind die Pulswerte nie das Problem. Die Pferde liegen auf den Einhornritten meist deutlich darunter.“ Die „Vorbesprechung“ findet grundsätzlich schriftlich statt, d.h. dass die Teilnehmer an der Meldestelle einen Aushang mit allen relevanten Informationen finden. Eine weitere Besonderheit ist der gleitende Start, bei dem jeder Teilnehmer beliebig, aber innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens an den Start gehen kann. „Gerade für Einsteiger ist der gleitende Start ideal, da die Starthektik entzerrt wird“, erklärt Regionalbeauftragte Karin Capell.

Die Einhornteilnehmer loben neben der flexiblen Organisation vor allem die erstklassigen Markierungen, da es unterwegs in regelmäßigen Abständen Gesamtkilometerangaben gibt. Trossloses Reiten ist möglich, da auf der Strecke genügend Wasser vorhanden ist und die einstündige Pause am Start-/Zielort stattfindet. Alle Ritte sind auch für Fahrer ausgeschrieben. Wichtig zu wissen ist, dass Verpflegung nur auf Vorbestellung angeboten wird.

Für alle Einhornritte gilt eine Startermaximierung von 30 Teilnehmern. „Wir sind klein und wollen auch klein bleiben“, sagt Véronique. „Die Startplätze sind oft relativ schnell ausgebucht. Und jedes Mal haben wir Einsteiger dabei.“ „Auf den Einhornritten finden sich außerdem immer viele Freizeitreiter und Breitensportler aus der Region“, ergänzt Karin Capell. „Und diese nehmen meist ein sehr positives Bild vom Distanzreiten mit nach Hause, da auf den Einhornritten immer eine besonders freundliche Atmosphäre herrscht.“

 


 

Für DISTANZREITEN beantwortete Championatsgewinnerin Gesine Wiskandt einige Fragen:

 

Wie und wann bist Du zum Distanzsport gekommen?

Im Jahr 2008 bin ich als Begleitung einer 13-Jährigen auf meinem ersten Distanzritt gestartet. Das war im Sachsenwald. Natürlich haben wir uns prompt total verritten!

 

Und wie ging es dann weiter?

Im Jahr darauf habe ich an drei weiteren Einführungsritten teilgenommen, u.a. auch erstmalig an der Einhorndistanz.

 

Was gefällt Dir an den „Einhornritten“besonders?

Mir gefällt die lockere und freundliche Atmosphäre. Niemand, der hier startet, ist super ehrgeizig. Durch den gleitenden Start war es außerdem möglich, mit der Tochter einer Freundin zusammen zu starten. Sie ist mit ihrem sächsischen Zwergpony den 20 km Schnupperritt ohne Sattel geritten. Die zweite Runde für den KDR bin ich nach der Pause allein weiter geritten.

 

Ein sächsisches Zwergpony und Deine 175 cm große Hannoveraner Stute. Wie passt das zusammen?

Das Pony hat gut mitgehalten, ich musste meine Stute Capra nicht besonders bremsen.

 

Wie gefällt Dir die Wertung der Einhornritte?

Die Pulswertung beim Championat war mein Vorteil, da Capra bereits nach einigen Metern Schritt entspannt und runterkommt.

 

Das ist sicherlich auch auf Capras Ausbildung zurückzuführen. Du bist Trainer B, Basissport und gibst …

…nebenberuflich viel Unterricht im Freizeit- und Basisbereich. Die „Distanzwochenenden“ empfinde ich als Ausgleich zum normalen Alltag. Und meine Hannoveraner Stute ist begeistert dabei.

 

Und wie soll es in diesem Jahr weiter gehen?

Mal sehen, was kommt. Die kurzen Ritte habe ich ohne besonderes Training bewältigt. Mein Ziel fürs dieses Jahr sind schon die 60 km. Nur in Stress soll es nicht ausarten.

 

 


 

Streckenprofile

  • Kleinharrie: 2 verschiedene Schleifen, flach, viele Spurenwege und feste Wirtschaftswege, kurze Streckenabschnitte etwas steinig, 3 km Asphalt.
  • Rickling: 2 verschiedene Schleifen, flach, wenig Asphalt, überwiegend feste Waldwege.
  • Naturpark Aukrug: 2 verschiedene Schleifen, offizieller Reitrundweg über 20 km bestehend aus Spuren- und Waldwegen, weniger als 1 km Asphalt, auch barhuf zu bereiten.
  • Neuschönberg: 2 verschiedene Schleifen, fester Sandstrand, über den asphaltierten Deich muss geführt werden, Gras- und Spurenwege, weniger als 2 km Asphalt.

 

 


 

Das Einhornchampionat

Für das Championat werden die Ergebnisse der vier besten Einhornritte gewertet. Die unterschiedlichen Rittlängen fließen hierbei mit unterschiedlichen Faktoren in die Endwertung. Im Jahr 2010 siegte Gesine Wiskandt mit der 13jährigen Hannoveraner Stute Capra.