Aufstieg und Fall von endurance insight

endurance insight – ein guter Versuch, der leider von Beginn an zum Scheitern verurteilt war … 

Die Geburt von DISTANZREITEN war keine besonders leichte Geburt, denn das neue deutschsprachige Magazin für Distanzreiter und alle Distanzinteressierten wäre nicht am Markt, wenn es die „EI“ noch gäbe. Vielmehr entstand DISTANZREITEN durch den Fall von endurance insight und durch den Wunsch vieler Distanzreiter nach einem Distanzmagazin, das sich qualitativ von einem bestehenden Medium abheben soll, auch wenn dieses Medium nicht den Anspruch erhebt, ein Magazin zu sein.
Und ganz offen raus: Distanzreiten ist ein wundervoller Sport und bietet viel Stoff für Artikel, aber Distanzreiten ist ein Wachstumssport, bei weitem noch nicht so verbreitet, wie andere Reitdisziplinen – aber auf gutem Wege dahin. Das ist auch der Grund, warum es ein Distanzmagazin in Deutschland z. Zt. noch schwer hat. Der Markt muss aufgebaut werden, dieses Ziel streben wir engagiert an und bitten alle Distanzler, uns hierbei zu unterstützen, anstatt darauf zu warten, dass sich etwas von selbst tut – das wird es nicht!
endurance insight, das ist bzw. war, Susanne Polzin. Die „EI“ war ihr Baby – ein Magazin, wie sie es sich erträumt hatte. So gebahr sie es und es konnte sich sehen lassen, auch wenn es viel Kritiker gab. Doch auch aus eigener Erfahrung heraus möchte ich Susannes Leistung hoch anerkennen, denn es ist nicht leicht, ein solches Magazin aus dem Boden zu stampfen und Autoren zu finden, die bei dieser Arbeit mitwirken.
Sicher hat es am Anfang Fehler gegeben: ein unglücklich ausgewähltes Bild, das den Distanzsport nicht von der besten Seite zeigte, vielleicht auch die zu einseitige Auswahl der Themen und Personen, über die in der Erstausgabe berichtet wurde, aber aller Anfang ist, wie man weiß, schwer.
Zur Geburt von endurance insight kam es exakt vor zwei Jahren. Die Erstausgabe November/Dezember 2008 erschien, wie nun auch DISTANZREITEN, kurz vor Weihnachten – ein idealer Termin für den Einstieg.

Die Fotografin und Grafikerin begann ihr Projekt aus Leidenschaft und Hingabe zum Distanzsport, sie lebte Distanzreiten und das Heft sollte von nun an ihr Leben werden. Krankheitsbedingt musste sie sich einige Zeit zuvor aus ihrem stressigen Berufsalltag zurückziehen, in dem sie sich total verausgabt hatte, denn wenn Susanne etwas angeht, dann ist sie mit voller Leidenschaft dabei und die Werbebranche, so attraktiv sie auch von außen erscheinen mag, ist extrem kräftezehrend!

Eigentlich waren die Bedingungen für das neue Magazin gar nicht so schlecht, es gab eine leidenschaftliche Distanzlerin mit dem Namen Susanne, die das Projekt hauptberuflich und engagiert vorantreiben konnte, es gab einen Markt, den es zu überzeugen galt und Susanne brachte von ihrer beruflichen Qualifikation alle Anforderungen mit, um dieses Projekt, notfalls auch alleine, umsetzen zu können.
Doch es gab auch Probleme und Fehler, die das Magazin leider haben sterben lassen, nach 6 Ausgaben und keinen zwei Jahren Bestand:
Susanne wusste sehr genau, wie ihr Baby endurance insight aussehen sollte – es gab ein Magazin in der Segelszene, das hatte es ihr angetan. Großzügig, sehr bildlastig, edles Papier. Schön, aber gibt das auch der Markt her? Nein – das war Fehler Nr. 1.
Doch wenn die Auflage nicht ausreicht, kann man dann wenigstens einen angemessenen Preis verlangen? Ja, man könnte, aber Susanne verlangte ihn nicht. Für schlappe € 4,80 konnte sie wahrscheinlich noch nicht einmal die Druckkosten hereinholen. Das war Fehler Nr. 2.
Susanne war Künstlerin und ging in ihrem Schaffen komplett auf. Susanne war kein Kaufmann, erkannte dies auch, war jedoch nicht im Stande, einer weiteren Person diese bedeutende Funktion zu übertragen. Statt dessen wollte sie das Ruder, typisch Segler, lieber selbst in der Hand haben und den Kurs bestimmen. Das war Fehler Nr. 3.
Und neben den gravierenden Hauptfehlern war ihre Gesundheit das größte Problem. Sie war sehr anfällig und gerade bei Stresssituationen konnte ihr Körper nicht mehr das leisten, was Susanne von ihm forderte. Ein Zusammenbruch folgte dem nächsten, aber Susanne konnte ihr Wesen nicht ändern, sie konnte nicht Maß halten und lastete sich stets viel mehr auf, als gut für sie war.
Aber auch die Reiter selbst haben einen kleinen Teil dazu beigetragen, dass es gekommen ist, wie es kommen musste. Ein Projekt wie endurance insight bedarf der Unterstützung möglichst vieler Distanzreiter und hätte auch der Unterstützung des Verbandes benötigt, allerdings wurde ihr das verwehrt. Vielmehr wollte man zusehen, ob Susanne das Schiff mit eigenen Mitteln über Wasser halten konnte. Erst wenn sie einen langen Seeweg stabil meistern könnte, wäre eine Kooperation denkbar, aber genau das war der falsche Ansatz: Warten, statt zu helfen.

Der weitere Weg war vorgezeichnet, aber Susannes Hoffnung und Optimismus vernebelte die Sicht vor der Realität. Sie segelte weiter auf ihrem Kurs, direkt hinein ins Verderben. Als die ersten großen Abo-Einnahmen für ein Jahr schon bald aufgezehrt waren wurde es nun auch finanziell eng. Der Topf war leer und die Abonnenten erwarteten noch einige Hefte. Auch mit Anzeigeneinnahmen sah es schlecht aus. Da ihr selbst die Akquise schwer fiel, holte Sie Thea mit an Bord, die ihr Können voller Hingabe einbrachte, die jedoch keine Entschädigung für Ihren Einsatz sah. Werbeeinnahmen flossen sofort in die weitere Heftproduktion wie ein Wassertropfen in den Wüstensand. Das Leck geschlagene Schiff „EI“ füllte sich immer mehr mit Wasser und versank, als alles zusammen kam:
Die finanziellen Unstimmigkeiten eskalierten, sehr viele Gläubiger gingen leer aus, Rechnungen konnten nicht mehr bezahlt werden, Gehälter konnten nicht gezahlt werden, Werbekunden erhielten keine veröffentlichten Anzeigen. Heft 7 war so gut wie druckfertig, nachdem die vorherigen Hefte schon mit deutlicher Verzögerung ausgeliefert worden waren, doch es konnte nicht mehr gedruckt werden.
Parallel nahte die zweite von Susanne veranstaltete Eifeldistanz – auch dies ein Projekt, das Susanne absolut überforderte, nicht vom Können oder vom Organisationstalent, sondern von der Leistungsfähigkeit ihres Körpers. Dieser schaffte es, bis zum Tag der Veranstaltung durchzuhalten – dann das Aus. Susanne war auf einmal verschollen. Zusammen wollten wir uns bei Toni Baumann auf der Kauber Platte anlässlich des Araber-Championats einen Stand teilen, aber sie war weg – kein Handy, kein Telefon, kein Email brachte Erfolg. Sie konnte nicht antworten, denn sie war im Krankenhaus.
Zwei Wochen später folgte eine kurze E-mail mit der Bitte nicht anzurufen, da sie sehr verstört sei und keine vernünftigen Sätze über die Lippen bringen könne. Sie fragte, ob ich ihr „Baby“, endurance insight, übernehmen würde. Ich erklärte, dass ich generell Interesse habe, allerdings sollte man das bei einem Treffen nach meinem Urlaub in Ruhe besprechen. Das war der letzte Kontakt. Nach dem Urlaub hörte man Gerüchte, es wurde im Forum spekuliert und gerätselt. Immer mehr Beiträge kamen, dass das Aus von endurance insight nun sicher sei. Thea äußerte sich schließlich und machte sichtlich gereizt und gleichzeitig enttäuscht klar Schiff und sprach offen aus, was bislang gemauschelt wurde: Das Heft gibt es nicht mehr, Susanne ist im Ausland und hat sich abgesetzt.
Mein Anruf bei ihrem Mann Georg bestätigte diese Aussage. Georg sagte, das Gewerbe wurde abgemeldet, Susanne ist im Süden und wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurück kommen, zurück nach Nettersheim, zurück zu ihrem Mann und zu ihren Kindern. Georg, zuvor in den UAE beruflich erfolgreich unterwegs, muss sich nun alleine um Haus und Kinder kümmern.
So ist die Situation. Die Internetseite www.endurance-insight.de ist aus dem WWW verschwunden und auch die Internetseite von Susannes Segelschiff www.classic-yacht.info ist nicht mehr online. Unter ihrer Handynummer ertönt eine spanische Stimme, die ansagt, das diese Nummer vorübergehend nicht erreicht werden kann. Im Internet findet man noch Relikte aus ihrem alten Leben – Foto-dokumente, Bilder vom Raid al andalus, Bilder vom Presidents Cup, Bilder, die in Heft 7 erscheinen sollten, die auch in einer angedachten Online-Version des Magazins hätten veröffentlich werden können – zwar ein schwacher Ersatz, aber ein Ersatz. Und es verbleibt ein ungepflegter Facebook-Eintrag, der als optische Erinnerung an Susanne vor sich hin schlummert.

Einerseits handelt es sich bei der Flucht in den Süden sicherlich um eine Flucht im Sinne der Gesundheit, um sich nicht noch weiter zu schaden, anderseits ist es aber ein Benehmen, das man in dieser Form nicht gut heißen kann. Viele Freunde und Lebensgefährten, dazu zähle auch ich mich, haben geglaubt, Susanne gut zu kennen. Viele haben sich angeboten zu helfen, viele hätten Verständnis für ihre Situation gehabt, es wäre nur ein Wort von Susanne notwendig gewesen – aber dieses Wort kam nicht, selbst zu wirklich guten Freunden nicht. Statt dessen hat sie gebrochen mit ihrem Leben, das sie geführt hatte und das Alles war für sie. Sie hat gebrochen mit dem Distanzsport, sie hat gebrochen mit ihren vielen Bekannten aus der Szene – wortlos. Sie hat ihr Kind endurance insight verloren, wofür sie gelebt hatte. Aber vielleicht ist auch das die Person Susanne Polzin – die Frau mit den zwei Gesichtern. Man glaubt, man kennt sie, aber kennt man sie wirklich? Viele Aussagen bestätigen, dass enge Freunde bitterlich enttäuscht wurden von Aktionen oder Reaktionen von Susanne, die man so beim besten Willen nicht erwartet hätte. Viele können den ganzen Vorfall auch heute noch nicht glauben – denn sie war sehr glaubwürdig, sehr überzeugend, sehr offen raus und begeisternd. Was davon ehrlich war und was Täuschung, das kann niemand wirklich sagen. Wenn Susanne etwas sagte, dann hat es wohl jeder geglaubt, auch wenn Aussagen manchmal schon äußerst unglaubhaft waren. Vielleicht hat Susanne vieles selbst geglaubt und war deshalb so überzeugend, dass man sich überhaupt nicht vorstellen konnte, dass die Aussage nicht wahr sein könnte. Etwas stutzig machte mich lediglich die Tatsache, dass sehr oft Dinge, die hätten klappen sollen, nicht geklappt haben, vielleicht etwas zu oft?
Georg sagte, er hätte ihr meine Nachricht ausgerichtet, sie wolle sich melden. Es ging um das Heft, wie sollte es weiter gehen? Kann endurance insight doch noch gerettet werden? Kein Anruf – nichts.

So kam es zu dem nun hier vorliegenden Magazin DISTANZREITEN, das geboren wurde, weil es eine Nachfrage danach gibt. DISTANZREITEN trägt einen neuen Namen, hat ein neues Erscheinungsbild, ein neues Format und hofft, bei der Geburt weniger Fehler gemacht zu haben als zuvor endurance insight. Die Zeit wird es zeigen.

So bleibt mir an dieser Stelle nur die Bitte an Euch alle, die dieses Magazin lesen: Wenn Euch das Magazin gefällt, dann unterstützt das Vorhaben und kauft dieses Magazin, idealerweise mit einem Abo – das ist für Euch deutlich günstiger und erspart uns einen großen Verwaltungsaufwand. Ich hoffe, die Themenauswahl von Nr. 1 findet bei Euch Anklang. Es war wenig Zeit bis zur Erstausgabe. Bitte beteiligt Euch an unserer Meinungsumfrage zu dieser Ausgabe auf unserer Webseite www.distanz-community.de und dem Quick-Link: 4004
Verbesserungsvorschläge werden gerne angenommen, das ist Euer Heft – Ihr könnt es gestalten!

Und ich Bitte im Namen von Susanne um Entschuldigung für das Geschehene, auch wenn Susanne nichts davon weiß, aber ich denke, es ist in ihrem Sinne. Wir können den finanziellen Schaden, der jedem einzelnen durch endurance insight zu Teil geworden ist, leider nicht ausgleichen, aber wir können Euch als Mitglieder der IG EnduranceTeam Germany vielleicht in der nächsten Zeit mit einigen interessanten Angeboten entgegen kommen.

Text: Christian Lüke

 

Auf der DM in Dillingen, © Christian Lüke

Auf der CERA Challenge im Juni 2010 in Dillingen, © Christian Lüke